Kriegszeiten

Der Krieg ging mit seinen ersten ernsthaft spürbaren Kriegsfolgen ging lange an unserer Familie vorbei.

Noch war die Versorgung ohne spürbare Einschränkungen, wenn auch schon mit Zuteilung von Lebensmittelkarten. Unser Vater hatte wohl in der Erkenntnis möglicherweise drohender Engpässe etwas vorgesorgt. Ich werde nie vergessen, was zuerst Mangelware war – Bohnenkaffee. Und er hatte zwei Säcke Rohkaffee von Eduscho – die gab es damals schon – beschafft. So haben wir für lange Zeit unseren Kaffee selbst in der Bratpfanne geröstet und konnten damit Bohnenkaffee trinken.

Die meisten Männer liefen in Uniform herum oder waren an den Fronten. Ab und zu hörte man, dass einer gefallen war. Aber alles war ja noch so weit weg. Im Kino – Fernsehen gab es damals noch nicht – gab es jeweils immer erst die obligatorische UFA-Wochenschau. Und da haben wir immer gesiegt. Und es gab immer nur Tote bei den Feinden. Dasselbe auch im Rundfunk. Auch unsere bayrischen Verwandten – als Offiziere bereits im Fronteinsatz – protzten bei Heimatbesuchen als Helden. Unser Vater als alter Frontsoldat saß dann immer nur still da und hörte sich das ganze ohne Reaktion an.

Das Fachgebiet unseres Vaters war ja die Wasseraufbereitung, also Trinkwasser und Wasser für industrielle Zwecke. Dazu gehörte auch die Aufbereitung von Meerwasser auf der Insel Helgoland. Das Trinkwasser wurde bislang immer mit Tankschiffen vom Festland auf die Insel gebracht. Die Firma Permutit war meiner Erinnerung nach die Firma, die die ersten Trinkwasseraufbereitungsanlage dort baute. Dazu musste unser Vater oft auf die Insel. Aus Erzählungen weiß ich, dass er dazu auch geflogen wurde, um den immer öfteren Angriffen der Engländer auf Schiffe zu entgehen. Seine Helgolandaufenthalte waren sehr gefragt. Dann kam die Idee auf, ihn mit einem U-Boot dorthin zu bringen und ich sollte mitfahren. Los ging es in Wilhelmshafen und noch in Küstensichtweite tauchte das U-Boot dann ab. Wir durften kurze Zeit sogar auf der Brücke bleiben. Die Besatzung nahm sich auf der – viel zu kurzen – Hin- und Rückfahrt Zeit, uns die ganze Technik des Bootes zu erklären. Ich durfte sogar mal einen Hebel bewegen. Die damals gebaute Anlage soll nach Angaben wohl noch immer stehen. Was für ein Erlebnis!

Auch die Jugendgewohnheiten änderten sich. Anstelle der bisher leidenschaftlich gesammelten Maikäfer der verschiedenen Gattungen wurden nun mit Leidenschaft nach den ersten zaghaften „Besuchen“ britischer Flugzeuge über Berlin zunächst die Granatsplitter der Flugabwehr, später dann die noch raren Bombensplitter gesammelt und getauscht – alles mit dem Ehrgeiz, die meisten, größten und am interessantesten Splitter zu haben. Das war für uns Kinder noch harmloser Spaß – bis dann das mit der Bombe in unserer unmittelbaren Nähe passierte.

Dazu kamen für mich auch die ersten Kriegstoten. In der Nähe unserer Wohnung befand sich ein riesiges, urwüchsiges und unberührtes Gelände – das sogenannte Filmgelände an der Alboinstraße. Ein tiefes Naturtal und eine mächtige Sanddüne, das als Kulisse für Filme genutzt wurde und als ideale Spielgebiet für uns Kinder. Über diesem wurde eines nachts ein britischer Bomber abgeschossen. Er war schon in der Luft auseinandergeplatzt. Bevor irgendwelche Räumkommandos erschienen, waren wir Kinder dort schon auf der Suche nach Sammelware. Die Flugzeugteile lagen verstreut herum. Aber dabei blieb es dann nicht. Den ersten Toten, den wir entdeckten, der war äußerlich praktisch unversehrt. Er lag neben seinem Fallschirm. Aber wenn man ihn anstieß, – und das taten wir aus Unvernunft und Neugierde – war er nur noch eine wabbelnde Masse. Und wir fanden dann immer mehr Leichenteile aller Art.

Wenn ich daran zurückdenke, für mich eigentlich nicht erschreckend oder abschreckend, ich war nur neugierig. Man versuchte ja, uns Kindern von Seiten der Regierung einzutrichtern, dass es ja nur Feinde sind und dass nur ein toter Feind ein guter Mensch ist. Ich erzählte alles zu Hause und bekam die Standpauke von unserem Vater. Auch wenn es Soldaten unserer Feinde waren, sollte ich Achtung und Ehrfurcht vor den Toten zeigen. So, wie wir nach Möglichkeit auf die unversehrte Rückkehr unserer Soldaten hofften, würden auch auf die Toten Angehörige warten. Was das hieß, wurde mir noch einmal bewusst als der Hans als Oberleutnant in Frankreich ums Leben kam. Eines Tages standen zwei Offiziere vor der Tür. Sie überbrachten die Nachricht von seinem Tode. Die Tante verfiel in Schreikrämpfe und erlitt einen Zusammenbruch, von dem sie sich nicht erholte.