Mit dem Einzug der Westalliierten und dem Abzug der Russen aus dem Westteil von Berlin begann endgültig die Normalisierung, jedenfalls für alle, die wie wir im US-Sektor – nun amerikanisch, britisch oder französisch besetzt waren.
Die Grundversorgung klappte langsam besser, aber viele Luxusgüter blieben unerreichbar – und der Hunger danach war offensichtlich groß. Wie viele andere Deutsche schleppten auch wir für die Amis Souvenirartikel in deren PX-Shop im Tausch gegen Waren, die es normal auf dem Markt noch nicht gab. Diesen Weg ging der – wie wir es nannten – „Klempnerladen (Orden)“ von Vater, alte Krüge und andere Dinge.
Ich tat mich schwer mit dem verlorenen Krieg, den Besatzern und wie sie uns behandelt haben. Unsere Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft – oft junge Kerle, die nur wenig älter als ich waren – kamen als verhungerte Gerippe. Sie lagen bei uns herum in den Straßen, kaum noch in der Lage, die Suppe zu essen, die wir ihnen versuchten, einzuflößen. Sie konnten nicht mehr laufen und ich musste sie mit unsrem Wägelchen ins nahegelegene Krankenhaus fahren, wo sie dann meist starben. Da war die Perspektivlosigkeit unserer Zukunft, angefangen mit dem Morgenthau-Plan, der vorsah alle Deutschen in Wüsten umzusiedeln. Alles Deutsche wurde in Frage gestellt – unsere ganz Geschichte, Kultur, unsere Soldaten und wir auch. Alle Deutschen wurden schlechthin als Verbrecher hingestellt, was durch die Bilder der von Deutschen begangenen Gräueltaten natürlich bestärkt wurde. Und die andern wollten die übermenschlichen Guten sein. Mir war natürlich inzwischen klar, was in den Konzentrationslagern geschehen war – es war mir unbegreiflich. Wir wussten, dass es Konzentrationslage gab, da auch unser Vater 1939 selbst 14 Tage einem solchen verbracht hatte. Er hatte sich wohl zu offen gegen die Nazis geäußert, war aber wohl der Meinung, dass er gebraucht wurde und man ihm nichts tun würde. Er hat nie über diese Wochen im KZ gesprochen, auch nicht nach dem Krieg. Er stand wohl den Sozialdemokraten nahe und war bei seinem Tod deren Mitglied.
Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich während des Krieges laut gegen die Nazis ausgesprochen hat. Dies war einigermaßen verständlich mit den von ihm gemachten bösen Erfahrungen im KZ.
Er erklärte mir mehrfach, dass er nach preußischen Tugenden erzogen wurde, versucht hatte, danach zu leben und diese an mich weiterzugeben: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Strebsamkeit nach Wissen, Gewissenhaftigkeit, Gründlichkeit, Menschlichkeit und Pflichtbewusstsein. Aus Anlass des verloreneren Krieges mit dem uns Deutschen pauschal vorgeworfenen Kadaver-Gehorsams und von mir darauf angesprochen, erklärte er mir, dass man sowohl als Zivilist als auch Soldat ohne Zweifel eine Gehorsamspflicht hätte, diese jedoch immer vor sich selbst und Dritten gegenüber verantworten müsse.
Für das Hitler-Attentat hatte er kein Verständnis. Allerdings nur hinsichtlich der Ausführung, da er von einem Offizier – Stauffenberg – erwartet hätte, dass dieser bei der Bombe bleibt, um dafür zu sorgen, dass sie wirklich neben Hitler explodiert. So hinterließ es bei ihm den Beigeschmack, dass dieser sich entfernt hatte, um sich einen Posten in der gedachten neuen Regierung zu sichern.
Er hatte auch kein Verständnis für Sabotagen – zum Beispiel mit nicht brauchbarer Munition oder verpantschtem Benzin für die an der Front stehenden Soldaten. Wohl aus der Sicht als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg musste der „kleine“ Soldat seine Pflicht tun – ob er wollte oder nicht – und hatte ein Recht darauf, Heil nach Haus zu kommen, anstatt von den eigenen Leuten mit solchen Aktionen „umgebracht“ zu werden. Er hatte wohl in den besetzten Ostgebieten einiges gesehen und stand zu seiner Meinung, dass so etwas – bei aller Härte des Krieges – und auch im Hinblick auf vorangegangene Schweinereien der anderen nicht passieren dürfe.
Auf meine bohrenden Fragen in immer wieder gesuchten Gesprächen hat er bis zu seinem Tod stets abgestritten, etwas von Vernichtungslagern und Judenvergasung gehört oder gewusst zu haben. Er hatte zwar eine gehobene Stellung, die vermuten ließ, dass er Zugang zu vertraulicheren Informationen hatte, ich musste ihm letztendlich jedoch glauben. Ich wusste jedoch, dass die Firma unseres Vaters auch KZ-Häftlinge beschäftigte. Ich sah sie mit meinen eigenen Augen, wenn ich unseren Vater mal mit zum Werk begleitete. Und ich kann mich an einen Vorfall erinnern. Vater hatte offensichtlich für zusätzliche Versorgung gesorgt, was einem der Wachleute nicht gepasst hat. Ich weiß nicht, was dem vorausgegangen war, jedenfalls schrie mein Vater plötzlich den Wachmann an, er solle seinen Arsch an die Front bewegen. Er brauche Arbeiter und keine verhungerten Leute. Er stellte einem der Häftlinge den vollen Teller demonstrativ wieder hin und wartete bis dieser – und die anderen – gegessen hatten. Das hat mir mächtig imponiert.
Auch die Frage des Widerstands haben wir mehrfach diskutiert. Unser Vater blieb jedoch immer bei unbestimmten Andeutungen, dass er im Krieg getan hatte, was er für vertretbar hielt. Dass er etwas getan hatte, wurde mir erst nach seinem Tod bestätigt. Mehrere Leute erklärten mir, dass er ihnen als Verfolgte noch im Jahr 1944 zur Flucht ins Ausland verholfen hätte. Ihren Berichten nach hätte er das niemals alleine geschafft. Da muss jemand geholfen haben. Wer das war, kam jedoch nie heraus. Jemand anderes erzählte mir dann noch von einer Widerstandsbeteiligung, von der er sich dann später distanziert, diese jedoch weiter unterstützt habe.
