Der Schulbetrieb wurde nach dem Krieg nun wieder aufgenommen, wenn auch zuerst nur provisorisch und mit den alten Lehrern aus dem „Tausendjährigen Reich“, – ob nun Nazi oder nicht – sie waren gute Pädagogen. Die jüngeren Lehrer waren meist auch noch nicht aus der Gefangenschaft zurück. Der Schulbetrieb spielte sich fier mich in Baracken ab, da die eigentlichen Schulgebäude beschädigt und auch „zweckentfremdet“ genutzt wurden. Möbliert waren die Klassenzimmer mit zusammenorganisierten alten Küchentischen und unpraktischen Schreibtischen, da die Schüler an den Flügelseiten immer Schwierigkeiten hatten, ihre Beine unterzubringen – Schulmöbel waren offensichtlich verheizt worden im Winter. Unser damaliger Lateinlehrer, den ich schon aus Kriegszeiten kannte. Hatte eine besondere Marotte. Bei Unterrichtsbeginn riss er immer die Tür auf und wir mussten hochspringen, stramm stehen und gleichzeitig den Arm zum deutschen Gruß mit einem „Heil Hitler“ heben. Erlassen hatte er uns nur das gleichzeitige Hackenzusammenschlagen. Klappte die Zeremonie nicht zu seiner Zufriedenheit, dann verließ er wieder den Raum und wiederholte das Spielchen so lange wie er es für nötig hielt und es mit einem erlösenden „Setzen“ beendete.
Nach dem Krieg änderte sich das natürlich. „Guten Morgen, meine Herren, setzen Sie sich bitte.“ Irgendwie und irgendwann kam es dann. Ich war einer der Unglücklichen, die an einer der Schreibtischseiten sitzen musste. Ich hatte mich schräg gesetzt, um meine Beine ausstrecken zu können. „Hühner, setzen Sie sich gerade hin.“ Keine Ahnung, wie ich das machen sollte. „Jawohl, Herr Studienrat.“ Er korrigierte mich sofort, da es von nun an nur noch „Ja“ lauten sollte. Und ich antwortete, „Jawohl, Herr Studienrat“. Ich weiß nicht mehr, wie lange das so ging. Jedenfalls geriet er offensichtlich in Wut, kam auf mich zu und hob die Hand, so als wolle er mir eine runterhauen. Das war bei mir inzwischen nicht mehr drin, Ich nahm also seinen erhobenen Arm, drückte ihn herunter und beschrieb, welche Sitzart an ein der Schreibtischseite möglich war. Danach packte ich meine auf dem Schreibtisch liegenden Schulsachen in meine Schulmappe. „Was machen Sie da?“ Ich erklärte, dass ich nach Hause gehen würde. „Sie bleiben gefälligst hier!“ Ich bin gegangen, auch wenn er mir hinterherbrüllte und mit Schulverweis drohte.
Zu Hause habe ich die Geschichte sofort erzählt und unsere Mutter, die sich noch an frühere Allüren des Lehrers erinnern konnte, war am nächsten Tag mit mir in der Schule. Sie stellte sich vor den Lehrer – vor allen herumstehenden Schülern und Lehrern. Sie fuchtelte erregt mit Finger vor seiner Nase und redete auf ihn ein. Ich hörte dabei mehrfach, „Sie alter Nazi, Sie!“. Die Schüler feixten, die Lehrer schauten etwas bedrückt aus der Wäsche und ich musste am nächsten Tag zum Schuldirektor. Wir nannten ihn „Papa Grabsch“ und verehrten ihn für seine Güte und sachliche Strenge. Wir sprachen über den Vorfall und ich entschuldigte mich. Danach waren ich und unser Lateinlehrer war nicht gerade Freunde, er benotete mich jedoch immer leistungsgerecht, bis er dann auch schon bald das Lehramt verließ.
