Abitur

Ich machte mir so einige Kopfschmerzen bei dem Gedanken an mein Abitur. Nicht wegen fehlender Leistung, sondern einem schlechten Gewissen unseren Eltern gegenüber, zumal es unserem Vater gesundheitlich immer schlechter ging.

Ich verstand es, mich während der gesamten Schulzeit durchzuwurschteln. Ich hatte ständig – nicht immer intelligente – Flausen im Kopf. Und hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich immer für meinen Sport entschieden. So rutschten meine Noten in schöner Regelmäßigkeit bis an die Grenze des Sitzenbleibens.  Im Bewusstsein meiner erprobten Fähigkeit, relativ leicht und schnell lernen zu können legte ich dann immer einen Zwischenspurt ein, mit dem ich dann immer das Endziel – zur Überraschung aller Beteiligten – mit Glanz und Gloria erreichte. Das trug mir bei den Lehrern wenig Verständnis und Wohlwollen ein. Das ging so auf der Aska, bis zu meinem ungewollten Schulwechsel, wo ich ja dann auch gleich wieder in Schwierigkeiten geriet. Mir wurde bewusst, dass ich mich nun doch intensiv um mein Abitur kümmern sollte. Ein Abi mit Durchschnittsnoten wäre kein Problem gewesen, mit der sich immer weiter verschlechternden Gesundheit unseres Vaters, wollte ich ihm jedoch bessere Noten nach Hause bringen. Auch, wenn das hieß, auf den geliebten Sport weitgehend zu verzichten. Wir waren in der Abiturklasse nur noch 11 Schüler. Da waren drei, die absolut unerreichbar erschienen. Sie noch zu übertrumpfen – soweit reichte mein Ehrgeiz dann auch nicht, zumal die Noten der zwei letzten Jahre vor dem Abitur noch Einfluss auf die Gesamtnote hatten.

Ich wollte es jedoch wissen und klotzte ran.

Bis spät abends saß ich beim Pauken. Drohte ich, nicht mehr länger aufnahmefähig zu sein, halfen jede Menge Kaffee und eine neben meinem Stuhl stehende Schüssel mit kaltem Wasser, in die ich meine Beine steckte. Das Resultat zeigte sich zur Überraschung der Lehrer schon recht bald mit besseren Noten. Leider führte das zu neuen Problemen. Einer der Lehrer nahm mich beiseite und kündigte an, dass ich mich aufgrund der unerklärlichen Diskrepanz zwischen meinen Vornoten und dem jüngsten Leistungshochs auf eine Beurteilung mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung vorbereiten sollte. So spitzte ich meine Ohren in den letzten Wochen vor den Abitur-Prüfungen, um eventuelle Hinweise auf die Themen herauszufinden. Die schriftlichen Arbeiten wurden allerdings von einer externen Prüfungskommission vorgegeben und wir alle konnten nur Daumen drücken. Ich hatte Glück – und ein wenig Schützenhilfe vom damaligen aufsichtsführenden Lehrer.

Für Übersetzungen gab es seinerzeit sogenannte Kladden. Kleine, gut zu versteckbare Büchlein. Unsere Aufsichtslehrer setzte sich vor uns hin und verschwand hinter einer weit aufgeschlagenen Zeitung. Nur ab und zu ließ er von sich hören – „Meine Herren, schummeln Sie nicht zu unverschämt!“ – und wir alle waren ihm sehr dankbar. Bei einer der Prüfungen konnte es sich der Prüfer nicht verkneifen und kommentierte meine bisherigen Arbeiten mit „Alle Achtung!“. Die schon angekündigte mündliche Prüfung wurde dann schon unangenehmer. Erst wurde ich in Deutsch, Mathe, Physik und Geschichte geprüft, was recht gut lief.  Dann kam die Englisch-Prüfung mit „Papa Grabsch“, der mich ohne ein einziges Wort auf Deutsch mit seinem unerreichbaren Oxford-Englisch ausquetschte. Es ging um die mit Kipling verbundene Erdkunde und Geschichte. Trotz Eselsbrücken war ich da wie vernagelt und erhielt prompt nur ein „Ausreichend“. Die Prüfer kannten keine Gnade mit mir, denn es sollte noch weitergehen. Sie entschieden sich, mich auch noch in Kunst mündlich zu prüfen. Ob gewollt oder per Zufall ging es um eines meiner Interessengebiete und ich konnte mich mit Goethe und der Farbenlehre austoben, was mir ein „Sehr gut“ bescherte.

Am großen Verkündungstag fiel mir dann endgültig ein Stein vom Herzen. Ich war der Drittbeste unter allen Prüflingen.