Unsere Familie

Schon als Baby waren Reisen der Familie innerhalb Deutschlands und ins Ausland an der Tagesordnung, was in den dreißiger Jahren wohl in Deutschland nicht unbedingt üblich war. Unser Vater zog als begeisterter Bergsteiger häufig in die Berge – Bayern, Österreich, Schweiz und Italien. Es wird gemunkelt, dass ich seinerzeit mit keinen zwei Jahren auf den Schultern unseres Vaters der jüngste Besucher der Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen gewesen sein soll.

Auf einer dieser Reisen, ich konnte als Steppke mit wenig mehr als zwei Jahren ja schon laufen, fuhren wir in die Schweiz. Die Grenzkontrollen müssen seinerzeit schon beliebt gewesen sein – also Gepäckkontrolle. Unsere Mutter setzte mich hin, doch plötzlich war ich verschwunden, was eine verzweifelte Such unserer Eltern nach ihrem verlorenen Sohn zur Folge hatte. Am Ende des Bahnsteigs auf der Schweizer Seite gab es ein Büro Häuschen und bei der Suche schaute unsere Mutter zufällig in das Innere des Gebäudes. Da stand ich nun auf Zehenspitzen und konnte gerade so mit der Nasenspitze über die Tischkante sehen. Ich hatte einen Stempel erwischt und stempelte wild auf allem herum, was auf dem Tisch lag. Meine Mutter klemmte mich unter den Arm – nichts wie weg, da die Schweizer ein wenig später bestimmt nicht schlecht aus der Wäsche geschaut haben.

Unser Familienleben habe ich jedenfalls immer als harmonisch empfunden. Unsere Eltern hatten sich aufeinander abgestimmt. Streit zwischen ihnen habe ich nie erlebt. Sicherlich war unser Vater der bestimmende Teil, er war aber kein Macho. Sie hatten oft auch unterschiedliche Auffassungen, über die sie diskutierten, wobei sich unsere Mutter dann auch oft durchgesetzt hat.

Meine Schwester Ingrid kam einige Jahre später dazu, da war schon abzusehen, dass der Krieg die Sicherheit unserer kleinen Familie immer mehr gefährden würde. Vater musste jedoch beruflich immer zur Stelle sein und daher in Berlin zurückbleiben. Wir indessen „vagabundierten“ in der restlichen Kriegszeit bis zur zwangsweisen Rückkehr durch die anrückenden Russen durch die deutschen Lande und wohnten bei Verwandten, Freunden oder in angemieteten Wohnsitzen. Wir waren daher dann nur noch sporadisch und besuchsweise in Berlin bei unserem Vater.

Trotz der miesen Zeiten im Krieg empfand ich das Familienleben eben als geglückt, worauf dann die schweren und belasteten Jahre der langen Krankheit unseres Vaters nach dem Krieg folgte. Was auch immer die Ursachen gewesen sein mögen, das Erleben von zwei Kriegen, sein ungesundes Leben als Kettenraucher und dass er geradezu arbeitswütig war – er ist bis zuletzt in seinem Beruf aufgegangen. Wegen seines Lungenemphysems mit zunehmender Atemnot und Erstickungsanfällen hatte er immer ein Beatmungsgerät in der Nähe, war dann auch bettlägerig und nicht mehr fähig, das Haus zu verlassen, ließ sich jedoch immer noch Arbeit aus dem Büro ins Haus bringen. Und dann kam der Schock für mich – ein Mitarbeiter hatte ihm auf seinen Wunsch neue Arbeit gebracht und er sagte, „Es fällt mir schwer zu denken. Ich habe Angst, den Verstand zu verlieren.“  Kurz darauf ist er gestorben.