Hitlerjugend

Ich war 11 Jahre alt, wie alle Jungs bei der HJ – der Hitlerjugend, genau wie die Mädchen beim BDM – Bund Deutscher Mädchen – waren.

Keine Frage, das kameradschaftliche Zusammensein mit sogenannten Heimatabenden bei Spielen und Gesang, Geländespiele im Freien fand ich einfach schön. Auch eine Uniform zu haben war „in“. Weniger schön fand ich das Marschieren müssen in Reih und Glied durch die Straßen. Dann aber auch mit Stolz, das Sammeln von Geldspenden für das WHW-Winterhilfswerk und den „Endsieg“, wo man mir als Anerkennung ein Buch „Mit Hitler an die Macht“ mit Widmung von irgendeinem damaligen Bonzen gab.  Es gab zu den Sammelaktionen kleine Plastikfiguren – Soldaten der verschiedenen aktuellen Waffengattungen, aber auch Kriegsschiffe, sonstiges Kriegsmaterial und Abzeichen. Die Figuren wurden für uns Kinder begehrte Sammel- und Tauschobjekte.  Was das Regime der Nazis letztlich damit bezweckt hat, haben wir in dem Alter nicht erkannt. Da war aber immer das vorsichtige Gegensteuern unseres Vaters. Aus heutiger Sicht „vorsichtig“, weil er sich bereits mit den Nazis angelegt hatte und dafür einen etwa 14-taegigen Aufenthalt im KZ-Oranienburg erdulden musste. Er hielt meinen Berichten über unsere Aktivitäten bei der HJ entgegen, indem er von seinen Wanderjahren seiner Jugend – ohne Zwang, Drill und Uniform – erzählte. Dann aber auch wieder seine Berichte über seine lange Soldatenzeit mit der Mahnung über die Folgen der Uniformierung und der Möglichkeit davon ausgehender Gewalt.

Ob nun als Folge seines Einflusses oder Veranlagung, ich hatte in dieser Zeit immer meine Schwierigkeiten, mich unterzuordnen. Besonders, wenn ein nicht wesentlich Älterer sich vor uns oder mir aufbaute und dann irgendwelche Kommandos brüllte, die ich oft dann auch noch für blöd hielt. Mein Vater reagierte darauf einfach mit, „Da musst du eben durch, auch das geht alles vorüber. Stell dir einfach den Kerl vor dir immer nackend vor.“, was mir geholfen, aber auch viel Ärger eingebracht hat. Weniger durch unbedachte Äußerungen als durch mein Verhalten, wenn ich mir bei dem Gedanken an seine Nacktheit das Grinsen nicht verkneifen konnte. Folgen – die mir nicht geschadet haben – waren in der Regel die zu dieser Zeit beliebten Strafübungen, wie zum Beispiel das Rumrutschen auf dem Boden mit möglichst kleinen Bürsten zu Putzzwecken.

Dazu fällt mir eine Wochenendveranstaltung der Pimpfe – so bezeichnete man uns – in einem Militärlager aus dem Jahr 1944 ein. Ich ging in ein Schule in Hoyerswerda, die einige Male solche Dinge organisierte. Ich weiß nicht mehr, was ich mir da hab einfallen lassen, mein Verhalten wurde jedoch missbilligt und hatte Folgen. Ich bekam einen Eimer mit Wasser und eine kleine, wirklich sehr kleine Handbürste und musste die Treppen im Treppenhaus schrubben. Es blieb mir nichts weiter übrig und ich war willig, emsig und fleißig. Stolz, endlich fertig zu sein, kam da so ein Kommisshengst mit absichtlich dreckigen Stiefeln und latschte über meine sauberen Stufen, stellte sich dann hin und schmiss mich an, dass sei keine saubere Arbeit. Also, alles noch einmal! Dann latschte er ein weiteres Mal mit seinen offensichtlich vorher nochmals eingedreckten Stiefeln genussvoll über meine saubere Treppe. Und wieder schrubbte ich ein weiteres Mal! Und wie nicht anders zu erwarten, erschien mein Freund ein weiteres Mal. Nur kam es diesmal anders. Mir geschah doch tatsächlich ein Missgeschick. Der Eimer mit dem Dreckwasser fiel so unglücklich um, dass die ganze Brühe ihm nicht nur über die Stiefel, sondern auch über die Hose lief. Sein lautes Gebrüll kam nicht unerwartet was mich dank der guten Empfehlungen unseres Vaters – „stell dir den Kerl einfach nackend vor“ – nicht sonderlich beeindruckte. Also stand ich stramm und habe das Ganze über mich ergehen lassen. Gerettet wurde ich dadurch, dass dies das Ende unseres Aufenthalts und unser Truppe abfahrbereit war.

Manchmal musste ich auch endlos um einen Platz rennen, mit ausgestreckten Armen über den Platz hüpfen oder wurde schlimmstenfalls – und möglichst bei Dreckwetter – über das Gelände und durch die Pfützen gejagt mit „Sprung auf“ und „Hinlegen“. Geschadet hat mir die Gangart aber offensichtlich nicht. Ich wurde, obwohl noch so jung, „Zugführer“ mit einer grünen Kordel an der Brust. Stolz geschwellt, kam daraufhin prompt die Mahnung unseres Vaters nach seiner Gratulation, „Verlange von deinen Kameraden nie mehr als du selbst in der Lage bist zu tun!“.

Im Jahr 1943 gab es dann auch die ersten mehrtägigen Märsche mit vollem Gepäck und Geländeübungen unter dem Motto „Wehrertüchtigung“, alles unter der Aufsicht eines jeweils zugeteilten älteren Veteranen. Da hörte dann der Spaß sehr schnell auf, wenn bei Wind und Wetter vorgegebene Strecken heruntergerissen werden mussten. Kamen wir dann „auf Zahnfleisch“ mehr schleppend als laufend in die Nähe der vorgesehenen Orte des Tagesmarsches, hieß es dann auch noch, „In Reihe aufschließen, im Marschschritt, ein Lied!“. Und wehe, wenn das nicht sofort klappte, was es in der Regel nicht tat. Dann wurde das Spielchen so lange wiederholt, bis es klappte.

Die Kriegsjahre brachten immer mehr spürbare Versorgungsengpässe, mit denen auch immer wieder einmal ein großer Appell angesagt war. Drei Hundertschaften waren angetreten. Ein Parteibonze ließ seine üblichen Sprüche ab – mehr oder weniger immer dasselbe, sodass keiner mehr so richtig zuhörte. Bis dann die Aufforderung kam und uns doch aufhorchen ließ. Wir sollten Kartoffelschalen sammeln gehen, „damit wir auch jeden Sonntag unseren Schweinebraten bekämen“. Natürlich kommentierte ich laut genug so vor mich hin, „Den bekommen wir sowieso nicht!“. Die Folge war, dass mir wieder einmal die Beine mit den vielfältigen Körperertüchtigungen langgezogen wurden.

Im Winter 1943/44 hatten wir dann die ersten Schießübungen. Zur reinen Sportertüchtigung, selbstverständlich! Ohne Bedenken habe ich es als Spaß gesehen und hatte heimlich, ohne etwas zu Hause zu erzählen, die mir angebotene Prüfung zum Scharfschützenabzeichen gemacht. Es sollte eine Überraschung für unsere Eltern sein. War es auch, nur nicht wie geplant. Stolz bin ich mit dem Abzeichen auf der Brust zu Hause aufgekreuzt in dem Gefühl, nun mit unserem Vater gleichgezogen zu haben, der im ersten Weltkrieg auch diese „Auszeichnung“ bekommen hatte. Seine Reaktion war zwar eine Gratulation, dann aber im gleichen Atemzug seine Mahnung. „Schieß nicht gezielt auf Menschen, auch die wollen leben, davon Gebrauch zu machen, muss immer die letzte unumgängliche Lösung und Möglichkeit sein.“ In diese Situation bin ich nie gekommen.

1944. Wir wurden in Niederschlesien herumgejagt. Ich wollte mit meinen Kameraden der beste Zug sein. Ich trieb sie daher an. Wenn einer schlapp machte, haben wir anderen seinen Tornister und sonstiges Marschgepäck zusätzlich mitgeschleppt.  Schließlich haben sich dann einige an unseren Fähnchenstangen festgehalten und einfach mitziehen lassen. Bei einem der Märsche hatten wir kein festes Quartier. Es wurde im Wald einfach auf dem Waldboden – ohne Zelte – kampiert. Wir waren alle hundemüde, kaputt und durstig. Es wurde Wasser abgekocht mit irgendeinem undefinierbaren Zusatz – Muckefuck. Ich bekam dann mein Kochgeschirr mit dieser Brühe, setzte an, trank…

…und fühlte den toten Frosch in meinem Gesicht, schon weißlich im Zustand der Verwesung. Das Kochgeschirr flog im hohen Bogen weg – un mein Mageninhalt hinterher. Absolutes Schweigen in der Runde und auch ich verlor kein Wort. Naja, die Rache des kleinen Mannes folgte und ich zog am nächsten Tag das Tempo eben noch etwas an. Am Abend war dann allen die Lust zu irgendwelchen Späßen vergangen.

Bei einer anderen Tour gab es dieselbe Schinderei und eine Einquartierung bei Bauern. Und wir alle hatten einen Mordshunger – richtig Kohldampf! Ausgehungert saßen wir an einem langen Holztisch. Dann kamen die Schüsseln mit Kartoffeln – und Rührei. Mit dem Hungergefühl hatte sich mein Magen ganz auf dieses Rührei eingestellt. Also hab ich mir den Teller vollgeknallt und voller Heißhunger einen Bissen genommen, der mir im Hals steckenblieb. Der Magen drehte durch und ich schoss davon, um das vorhandene bisschen Mageninhalt loszuwerden. Es war Käse mit Leinöl, und nicht das erwartete Rührei. Bei mir fiel dann das Essen an diesem Tage aus.

Wir waren ein anderes Mal auf einer der beliebten Gewaltwanderungen in der Umgebung von Berlin unterwegs – mit einem mehrtätigen „Erholungsaufenthalt“ in Zossen. Untergebracht wurden wir in einem Barackenlager. Kleine Zimmer – eigentlich Löcher – mit jeweils zwei Doppelstockbetten und vier schmalen Schränken, in die wir unsere Klamotten unterzubringen hatten. In dem Lager anwesende Militärangehörige waren zuständig für die Ordnung. Für das Unterbringen der Klamotten bekamen wir gleich die Instruktionen. Kaum hatten wir uns danach eingerichtet, erschien der für uns zuständige Aufpasser. Keiner der Spinde fand seinen Segen. Er riss alle Sachen heraus und verteilte sie schön über den ganzen Fußboden. Es stellte sich schnell heraus, dass es nicht nur für unser Zimmer zuständig war, da er sich auch in allen anderen Zimmern gleichermaßen austobte. Auch in den folgenden Tagen gab es denselben Ablauf. Er riss die nach innen aufgehende Tür mit lautem Gebrüll auf, verrichtete seine Arbeit, drehte sich auf dem Hacken um, stürzte in Richtung Tür, riss diese auf und verschwand mit befriedigtem Gesicht. Wie es der Zufall dann ergab, stürzte er an einem der folgenden Tage wieder nach getaner Arbeit auf die Tür zu, um sie aufzureißen. Da fiel in genau diesem Augenblick doch in unserem Zimmer etwas mit Gepolter zu Boden, wodurch die Tür „von alleine“ nach innen aufsprang. Und so kam es, dass er mit voller Wucht gegen die offene Türkante rannte. Und diesmal lag er auf dem Boden. Abgesehen von unserer Häme folgte dann eine besondere Freizeitgestaltung für uns.

Es gab unendlich viele „Wanderungen“. Ein anderes Mal führte sie uns nach Schlesien. Im Hochsommer bei Hitze mit vollem Gepäck auf dem Kreuz und angeführt von einem Dreckbolzen von Fähnleinführer. Wilhelm war vom Alter her wohl kurz vor seinem Einsatz als soldatischer Heldenklau, den er noch einmal an uns Jungen ausließ. Er leitete das Unternehmen von seinem Fahrrad aus, während wir zu traben hatten. Und damit die Sache nicht zu langweilig wurde, sorgte er dafür, dass das geforderte stramme Marschieren in Abständen durch einen Dauerlauf aufgelockert wurde. Es war eine echte Schinderei! Eine nicht zu übersehende Eigenheit hatte Wilhelm – vor dem jeweiligen morgendlichen Abmarsch verschwand er immer einige Zeit auf dem Klo. Wir hatten dann an einem Tag auf einem Bauernhof Quartier gemacht – selbst für damalige Zeiten abgrundtief primitiv. Das Scheißhäusschen war nichts weiter als eine Grube, an deren Rand ein runder Querbalken lag. Über diesen Balken musste man seinen Hintern hängen. Dieser Querbalken hatte jedoch einen gefährlichen Konstruktionsfehler, der links und rechts zwischen zwei genagelten Holzstöcken lag. Wenn diese nicht gewesen wären, dann wäre der sogenannte Donnerbalken unter einem, bzw. mit einem weggerollt, …und man konnte sie ganz einfach wegdrücken. Nicht auszudenken, was da passieren könnte!

Dann geschah es. Wir waren abmarschbereit und warteten auf unseren Anführer, der sich wie immer erst erleichtern musste. Dann ein Schrei, ein Fluchen, ein Plantschen. Und dann erschien er, stinkend von oben bis unten, voller Scheiße. Da hatten sich doch tatsächlich auf jeder Seite irgendwie die Halterungs-Holzstücke gelöst und der Ärmste war rückwärts in die Fäkalgrube gerollt. Für unsere unverhohlen gezeigte Schadenfreude zeigte er kein Verständnis. Es hat einige Stunden gedauert, bis er einigermaßen geruchsfrei gesäubert war. Seine Rache des kleinen Mannes? Er ließ uns dafür etwas länger als sonst üblich bis in die Nacht marschieren.