Familie

Für mich recht schwer, aus eigener gefestigter Erinnerung und ohne Wunschdenken aus der Zeit vor 1939 etwas zum Besten zu geben. Aus der Zeit davor habe ich so gut wie keine genauen Erinnerungen. Es ist ein Zusammenreimen und Schlussfolgerungen aus späteren Erzählungen meiner Eltern, Verwandten und Bekannten, die unsere Familie begleitet haben und Informationen aus vorhandenen Fotoalben und Urkunden, die auf der Flucht zurück nach Berlin und in Berlin nicht verlorengegangen sind.

Unser Vater hat nach dem Krieg versucht, unseren Familienstammbaum zu rekonstruieren – und ist bei den weiter zurückliegenden Generationen gescheitert. Der nach seinen Erzählungen weit zurückreichende Stammbaum – offensichtlich unter anderem als Arier-Nachweis in der Nazi-Zeit – mit all den gesammelten Dokumenten ist in den letzten Kriegstagen verlorengegangen. Sie befanden sich in einem Tresor der Dresdner Bank Berlin am Schiffbauerdamm. Die Russen wollten da ran und haben versucht, die Wände aufzusprengen. Dabei haben sie die zu der neben dem Gebäude fließenden Spree erwischt. Alles ist abgesoffen und hat lange Zeit im Wasser gelegen, bis die Ufermauern wieder abgedichtet werden konnten. Dennoch haben sie es damit geschafft, wenigstens an gelagerte feste Wertsachen, insbesondere Schmuck, heranzukommen und zu klauen.

Alles andere ist dabei unrettbar vernichtet worden. „Gerettet“ werden konnte nur eine stark beschädigte, kaum noch lesbare Urkunde. Die hat mir unser Vater noch gezeigt. Auf Pergament oder Leder, – ich weiß es nicht mehr – stark zerschlissen und in meiner Erinnerung noch erkennbar als Landzuweisung in verschnörkelter Schrift irgendwann aus dem 16. Jahrhundert an einen in schwedischen Diensten stehenden Hühne – ob in der Mitte mit „h“ oder ohne, das kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls ohne „r“ am Ende. Unser heutiger Name soll angeblich durch Schriftverschnörkelungen entstanden sein, was auch durch vorhandene Urkunden nachvollziehbar gewesen sein soll. Die fragliche Urkunde ist nicht mehr auffindbar.

Es soll auch eine „Schweinebaronin“ gegeben haben. Bei einem Besuch in Pommern waren wir auch auf einem Gutshof, offensichtlich mit ausschließlicher Schweinehaltung und ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer älteren Frau in Schaftstiefeln, an die sie immer mit ihrer Reitgerte klatschte und laufend herumschrie.

Urgroßeltern Zeitler

Wie spannend, doch was bleibt? Wir sind eine Mischung aus deutschsprachigen Gegenden.

Auf mütterlicher Seite kam die unserer bereits in Berlin geborenen Mutter aus Franken in Bayern. Die Mutter unserer Mutter hat uns Enkel nie kennengelernt. Sie war bereits 1910 verstorben. Meine Urgroßeltern dagegen – schon 100-jaehrig – lebten bei meiner Geburt noch. Da bin ich ihnen noch als Säugling vorgeführt worden. Mein Urgroßvater soll wohl voller Lebenslust den bezeichnenden Spruch “Und da hab ich getanzt wie der Lump am Stecken” von sich gegeben haben.

All die älteren Söhne der mütterlichen Familie sind im Krieg gestorben. Einer ist als Panzeroffizier in Kurland gestorben, ein anderer ist als Marineoffizier für Schnellboote beim Versuch, so viele Soldaten wie möglich vom eingeschlossenen Kurland zu evakuieren, auf der Ostsee verschollen. Das Schicksal der beiden anderen Söhne aus Bayreuth habe ich hautnah miterlebt und so noch in Erinnerung. Der Ältere, Hans, war als Oberleutnant für mich seinerzeit das Idol. Ich konnte nicht genug von seinen „Heldentaten“ in den Polen- und Frankreichfeldzügen hören oder unserem gemeinsamen – ich war da schon Pimpf bei der Hitlerjugend – übermütigen Auftritt in Berlin mit einem Stechschritt durch das Brandenburger Tor. Dann hat mich jedoch die Wirklichkeit eingeholt.

Familie Zeitler

Vom Hörensagen wusste ich, dass die Todesnachricht von Offizieren seinerzeit noch durch zwei Offiziere überbracht wurde, die dann vor der Tür mit dieser Nachricht standen. So war es an dem Tag, an dem die Nachricht von Hans überbracht wurde. Im bereits besetzten Frankreich war er als begeisterter Motorradfahrer von einem britischen Tiefflieger tödlich verletzt worden. Danach kam der Tod vom Bruder Paul durch eine Bombe in Posen. Das hat die Tante gesundheitlich derart mitgenommen, dass unsere Mutter und wir Kinder den Aufenthalt in Bayreuth haben abbrechen müssen. Vom Tod des Onkels haben wir nach Kriegsende erfahren. Er war offensichtlich als Mitglied der NSDAP in gehobener Stellung in der Verwaltung tätig gewesen. Er wurde daraufhin zur Räumung von Kriegsschäden eingesetzt und hat sich wohl gezielt unter eine einstürzende Wand gestellt.

Mein Opa war – zusammen mit seinem Bruder – begeisterter Jaeger. Die Erinnerung an ihn ist, dass er mir das Verhalten von Wild beigebracht hat, ich aber auch das Schlachten und Ausweiden. Er war erdgebunden kannte sich mit Pflanzen, Kräutern und deren Verwendung aus. Die hingen im Haus an allen freien Stellen getrocknet als Gewürz, Heilkräuter oder Tee herum. Er hat versucht, das Wissen an mich weiterzugeben, es ist jedoch nichts hängengeblieben. Er saß gerne auf einem uralten Sofa mit Rückenlehne weit über dem Kopf und trank seinen Kaffee aus der Untertasse. Das war immer wieder für mich ein lustiges Zeremoniell. Er benutzte keine normale Tasse. Es war ein Kaffee-Pott, was heutzutage nicht mehr üblich und bekannt ist. Dasselbe galt für die Untertasse. Sie hatte einen riesigen Durchmesser und einen hohen Rand. Der heiße Kaffee wurde mit Zeremonie aus der Tasse – dem Pott – in die Untertasse gegossen und nachdem er sich abgekühlt hatte aus der Untertasse getrunken. Ich durfte es bei ihm niemals versuchen, na, und zu Hause kam das schon gar nicht in Frage.

Die Familie meines Vaters kam wohl aus Pommern. Die Familie soll seit Generationen dort gelebt haben. Zu unserem Großvater hatten wir nie Kontakt. Ich habe ihn nie kennengelernt und seine Stimme nur einmal am Telefon gehört, habe das Gespräch aber sofort an unseren Vater weitergegeben. Er hatte die „kleine Oma“ wohl sehr früh verlassen und mit ihren drei Kindern sitzengelassen. Damit hat unser Vater jeden Kontakt zu ihm abgebrochen und ist auch auf den Versuch seines Vaters im besagten Gespräch nicht eingegangen. Er hat einfach den Hörer aufgelegt.

Unsere „kleine Oma“ wohnte in Berlin und gehörte praktisch zur Familie. Sie hielt sich meist bei uns auf und kam sogar mit auf Urlaubsreisen. Sie war die erste Tote, die ich dann am Anfang des Krieges gesehen habe.