Fliederduft & Berliner Luft

Unser Vater hat sich wegen der Gefahr, von den Russen aufgegriffen und deportiert zu werden, in den ersten Tagen weitgehen im Haus aufgehalten. Aber dann wollten wir doch wissen, wie es den Eltern unserer Mutter und ihrer Schwester ergangen war. Dazu mussten wir durch die Innenstadt und Gegenden, in denen noch Tage nach unserer Besetzung Kämpfe stattgefunden haben. Es war ein warmes Frühjahr und in Berlin gab es überall Fliedersträucher. Der Flieder blühte schon. Auf dem Weg zur Familie mit abenteuerlichen Klettereien über gesprengte Brücken begleitet uns der Duft des Flieders, vermischt mit dem süßlichen Geruch der überall noch herumliegenden Leichen und dem Gestank brennender Fahrzeuge und Häuser. Oma Opa und die Tante hatten alles gut überstanden. Auf Ihren Hinweis hin, dass am Westhafen auch noch viele Vorräte lagerten, sind wir dann auch noch dorthin. Wir hatten Glück und wurden schon im ersten Lagerhaus fündig. Alles voller Büchsen sogenannter „Eiserner Rationen“ der Wehrmacht – fettem Schweinefleisch. Wir packten ein, was unsere Rucksäcke schleppen konnten. Dann haben wir damit noch die Großeltern versorgt und dort übernachtet.

Berliner Luft

Auf dem Heimweg schleppten wir uns müde durch die Straßen. Vor uns ging eine Frau, die wir vom Sehen aus der Nachbarschaft kannten. Trotz des zu dieser Zeit schon knappem Essen und regelmäßigem Hungern war sie unförmig dick – wahrscheinlich war sie krank. Wie dem auch sei, sie musste ihren massigen Körper bei jedem Schritt förmlich nach vorne werfen. Und dann geschah es. Weiß der Teufel, was sie zuvor gegessen hatte. Jedenfalls musste sie bei jedem Schritt ganz laut Furzen. Wir konnten nicht anders und mussten laut lachen. Die Frau hat uns danach nie wieder angesehen.