Fliegeralarm

Fliegeralarm

Unser Reichsluftfahrtminister Hermann Goering hatte vollmundig verkündet, dass kein feindliches Flugzeug deutsche Grenzen überfliegen würde und wenn doch, wolle er „Meier“ heißen. Er hieß dann schon sehr bald Meier bei uns.

Von Bundesarchiv, Bild 183-J07186 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364489

Wohl Böses ahnend hatte unser Vater aufgrund seiner Beziehungen zu Baumaterial einen Hauskeller über die von der Regierung vorgenommenen baulichen Kellerausbauten zu sogenannten Luftschutzräumen in einen gesicherten Luftschutzkeller ausbauen lassen – verstärktes Mauerwerk, zusätzlich abgestützte Decken, einen Zugang mit abzuschließenden Stahltüren an beiden Seiten. Und wie das Leben so spielt, bei einem der ersten Luftangriffe auf Berlin schlug eine sogenannte Luftmine in unmittelbarer Nähe des Hauses ein. Der Luftschutzkeller war voller Menschen aus der Nachbarschaft – Frauen, Kinder und noch einige wenige, nicht im Krieg eingezogene Maenner. Diese Luftdruckminen hatten ihre Zerstörungswirkung mit der Explosion und der besonderen Eigenschaft der Vernichtung durch ihren Luftdruck. Das Licht fiel aus und alles lag im Dunkel. Der Kalk rieselte aus der Decke und der ganz Raum war voller Kalkstaub, sodass das Atmen schwerfiel. Und weil keiner so richtig wusste, was los war, gab es großes Geschrei und Gejammere. Unser anwesender Vater war der einzig Besonnene und sorgte erst einmal für Beruhigung. Mit dem ersten Licht der Taschenlampen und Kerzen konnte man durch den Staub sehen und erkennen, dass in unserem Keller jedenfalls nichts geschehen war. Allerdings war die nach außen führende Stahltür im oberen Teil aus dem Verschluss gerissen und nach außen verbogen, was dann auch den ganzen Krieg hindurch so blieb. Für unseren Vater war klar, dass man zunehmend immer mehr Luftangriffe erwarten musste und schaffte uns aus Berlin raus, zumal meine Schwester einen gewaltigen, nachhaltigen Schick erlitten hatte. Er musste beruflich zurückbleiben. Wir indessen „vagabundierten“ in der restlichen Kriegszeit bis zur zwangsweisen Rückkehr durch die anrückenden Russen durch die deutschen Lande und wohnten bei Verwandten, Freunden oder in angemieteten Wohnsitzen. Wir waren daher dann nur noch sporadisch und besuchsweise in Berlin bei unserem Vater. Und das hatte seine Probleme mit meiner Schwester. Die Folge des Bombenvorfalls war bei ihr, dass sie beim Ertönen der Alarmsirenen völlig ausrastete und kopflos reagierte. Wir konnten sie nicht mehr bewegen, in den Luftschutzkeller zu gehen. Daher konnten wir nur noch nach Berlin kommen, wenn sichergestellt war, dass sie in einem der überall in der Stadt gebauten bombensicheren Bunker über Nacht schlafen konnte. Alarm am Tag versetzte sie ebenfalls in Panik. Sie wusste immer genau, wo der nächste Bunker war. Und wo immer sie auch in diesem Augenblick stand, flitzte sie – ohne sich umzudrehen und nach einem von uns zu sehen, geschweige denn, zu warten – in Richtung des nächsten Bunkers. Unserer Mutter blieb nichts weiter übrig als ihr hinterher zu rennen. Sie schaffte es immer, wenn auch nur mit gehörigem Abstand.

Die Folgen des Krieges wurden dann noch abschreckend deutlicher mit den überlebenden verwundeten Soldaten. Es gab in Bayreuth ein Lazarett an einem Park. Und in diesem Park trieben wir Jungs gerne unser Unwesen. Bis dann die Verwundeten von den Krankenschwestern durch den Park geführt wurden. Geführt, weil sie nichts mehr sehen konnten. Wenn überhaupt Teile ihrer Gesichter mit Verbänden verdeckt waren, dann sah man fürchterlich entstellte Gesichter und leere Augenhöhlen. Das war dann doch erschreckend für uns Kinder und wir mieden fortan den Park als Spielplatz.