Durch den Einmarsch der Russen waren Wasser, Strom und Gas nicht immer verfügbar. Daher hatte unser Vater für uns und die restliche Familie Akkus und Ladegerät organisiert. Da wir meist tagsüber Stromausfall hatten, konnten wir so die Zeiten ohne Strom gut überbrücken. Wir hatten übrigens zu dieser Zeit schon Zentralheizung. Die funktionierte natürlich nicht mehr und es stand schon im Sommer fest, dass sich das im folgenden Winter nicht ändern würde. Unser Vater brachte daher eines Tages einen transportablen Kachelofen, der im Wohnzimmer aufgestellt wurde. Ich hatte dann auch noch eine verlassene, ausgeplünderte Baubude entdeckt, in deren Bauschutt ein sogenannter Kanonenofen lad. Den habe ich dann für unsere Küche mitgehen lassen. Kohle habe ich dann auch noch im Sommer gefunden. Sie lag auf dem Güterbahnhofgelände und war für die Beheizung der Lokomotiven gedacht. Sie wurde allerdings bewacht und am Tag hatte ich keine Chance, dranzukommen. Also in der Dunkelheit – trotz der Wachen, die gerne wild durch die Gegend knallten. Keiner von uns wurde jedoch je erwischt und es hat uns nicht daran gehindert, Kohle zu organisieren. Einmal hat sogar unser Vater mitgemacht. So kam ein ganz schöner Vorrat als wichtige Winterhilfe zusammen.
Und noch etwas hat uns geholfen, über den Winter zu kommen. Viele Nachbarhäuser waren teilzerstört und unbewohnt. Damals war viel mit Holz gebaut – Fensterflügel und -rahmen, Türrahmen und Zwischendecken. Unser Vater und ich haben sie von allen noch vorhandenen Holzteilen bis zum Einsturz „befreit“. Die ganze Familie musste dann im Keller auf einem Holzbock Brennholz sägen.
Vater hatte seine Tätigkeit im Bereich der Wasseraufbereitung bald wiederaufgenommen und begonnen, zerstörte Anlagen wieder instand zu setzen – und man staune – auf Verlangen der Russen vor allem die Schnapsbrennereien zu modernisieren. Ein Teil der Leistungen wurde nicht in mehr oder weniger wertloser Reichsmark bezahlt, der andere jedoch in Naturalien. Das war eben der Schnaps als Tauschmittel.
Wie in der Geschichte mit dem Glühwürmchen-Schnaps schon beschrieben, mussten wir immer nach Potsdam zu Schleppen von Schnapsflaschen. Nachdem dann irgendwann einmal ein ganzer Wagen voller Schnaps bei uns ankam, hatten wir dann monatelang „Geld“ zum Eintauschen gegen Eßwaren und andere notwendige Sachen.
Der Winter kam und gleich sehr kalt. Wir hatten wieder einmal Glück, der uns davor bewahrte wie viele andere zu hungern und zu frieren. Unser Vater hatte im Braunkohlerevier wohl Anlagen für die Russen gebaut und ganz offiziell genehmigt stand dann ein für uns bestimmter Güterwagen voller Braunkohlebriketts im nahen Güterbahnhof. Vater konnte einen wieder fahrfähig gemachten Lastwagen auftreiben, den wir mit Kohle bezahlten. Und so wurde Fuhre um Fuhre unter den Augen der Nachbarn mit ihren kalten Wohnungen vor unser Haus gekarrt und so schnell wie möglich durch die Kellerluke in unseren Keller geschippt. So hatten wir mehr als genug Brennmaterialien für den Winter. Mehr noch, es war ein wertvolles Tauschmittel. Ich kann mich aber auch noch gut daran erinnern, wie unser Vater in Notfällen Kohle an Fremde abgegeben hat.
Irgendwann gabelte unser Vater zwei Kaninchen auf – die Grundlage, unsere Hühnerzucht mit einer Kaninchenzucht zu erweitern. Die Kaninchen durften in einer der leeren Nachbarswohnungen leben, wo sich prächtig vermehrt haben. Zu unserem Leidwesen vermehrte sich jedoch auch die Ratten in Berlin. Es gab noch immer zu viele herumliegende Tote, sodass eine Rattenplage abzusehen war. Eines Tages attackierte ein fette Ratte eines unserer Kaninchen. Sie blieb einfach neben dem toten Kaninchen sitzen und scherte sich nicht um uns. Damit begann der Ratten-Kampf. Wir konnten uns nicht anders helfen als sie zu jagen und dann mit einem Spaten zu erschlagen. Das war gar nicht so leicht, da – in die Enge getrieben – sie angriffslustig wurden. Dann musste es schnell mit Spaten gehen, was dann auch mal schiefging. Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten trug ich an dem Tag lange Hosen und nach den ersten Fehlschlägen mit dem Spaten sprang mich das Vieh an und verbiss sich in meiner Hose. Es war gar nicht so leicht, sie wieder loszuwerden. Abstreifen ging nicht, da sie dann versucht, meine Hand zu beißen. Schütteln half auch nichts. Als musste ich eine Art „Veitstanz“ aufführen, um sie wegschleudern und dann doch endlich den Garaus machen zu können.
