Mein Kriegsende

Bei Kriegsende war ich wie alle anderen beim Jungvolk, der NS-Jugendorganisation. Altersbedingt – bei Kriegsende noch keine 13 Jahre alt – war ich wenig kritisch gegenüber dem NS-System, wenn da nicht unser Vater gewesen wäre.

Ich kann mich nur daran erinnern, dass er mich mehrfach und immer wieder beiseite genommen und mahnend auf mich eingeredet hat. „Denke daran, dass es möglich ist, anders zu leben, als wir es jetzt tun.“ Das hörte ich besonders dann, wenn ich ihm wohl etwas zu euphorisch von den Aktivitäten im Jungvolk berichtet habe. Keine Frage, seine Bremse war angebracht. Denn ohne eine für mich bemerkbare politische Beeinflussung waren das Zusammensein mit gleichaltrigen Kameraden, das gegenseitige Helfen und aufeinander zugehen faszinierend. Damals noch unbedarft und wenig kritisch, war ich von diesen Veranstaltungen durchaus begeistert. Und dieses Zurücknehmen durch unseren Vater war sinnvoll und notwendig.

Als die Russen schon weit in Deutschland vorgerückt waren und sie offensichtlich nichts mehr daran hindern konnte, ihr erkennbares Ziel – die „Reichshauptstadt Berlin“ – zu erreichen, hielten sich meine Mutter, meine Schwester und ich in der Lausitz bei Geschäftsfreunden unseres Vaters auf. Von unseren eigenen deutschen Nachrichten und von Augenzeugen – denen noch die Flucht vor den Russen nach dem Westen gelungen war – wussten wir, was auf uns zukam. Drohende Vergewaltigung der Mädchen und Frauen, sinnloses Moden, Verschleppung von Frauen und Kindern nach Russland. Nach Meinung unseres Vaters mit seiner Erfahrung als aktiver Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg, den Kämpfen gegen die Kommunisten im Baltikum und dann in Berlin, seinen beruflichen Aufenthalten in Russland zum Aufbau von Fabriken, würden sich diese Folgen besonders auf dem Land auswirken. Also zurück nach Berlin.

Unser Vater, der in Berlin weiter arbeiten musste, kam, um uns abzuholen. Aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit war vom aktiven Militärdienst befreit als sogenannter ZBV – „zur besonderen Verwendung“ – und mit einer Reihe von Sonderausweisen ausgestattet. So schaffte er es, unsere Mutter, meine Schwester, unsere Cousine samt Kinder in einem in Richtung Berlin passierenden Zug unterzubringen. Vater und ich sollten nachkommen. Warum und wie er sich das dachte, war mit nicht klar. Jedenfalls ging es zunächst schief. Vater wurde – wohin auch immer – abberufen. Er wollte jedoch nach kurzer Zeit vor den Russen zurückkehren, um mich zu holen.

Zu dieser Zeit wurde aus der Unsicherheit vor dem Kommenden Chaos ausgelöst. Von geordneter Flucht war keine Rede mehr. Die Behörden überließen es jedem selbst, zu bleiben, auf die Russen zu warten und alles über sich ergehen zu lassen oder seinen eigenen Fluchtweg zu finden. Viele drehten dann auch noch durch. Jedes männliche Wesen, – ob jung oder alt – dass ein Gewehr halten konnte, wurde zum „Endkampf“ gemustert. Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Ich hatte noch die schwarze Winteruniform des „Jungvolks“, in der ich mich noch kurz zuvor mit einer Jugendfreundin getroffen hatte, die übrigens auch stolz ihre BDM-Uniform trug. Ich war jedoch noch keine 13 Jahre alt – und üblich war es, erst 16-jaehrige heranzuziehen. Trotzdem sah ich mich in diesem Haufen älterer Jungs, alten Männern und aufgelesenen Soldaten. Und dann kam da auf einmal ein Lastwagen mit einigen wenigen Kampfanzügen und festen Schuhen – für mich fielen ein paar passende Fallschirmjäger-Schuhe, ein Fallschirmjäger-Helm und warme Oberbekleidung ab. Dann gab an uns allerhand Waffen und Munition und vor allem reichlich Verpflegung in Form von Brot, Büchsen und Schnaps.

Das Spektakel endete gegen Abend recht makaber. Alle mussten antreten. Irgendwie hatte man eine aus nur wenigen Musikern bestehende Kapelle aufgetrieben. Wir mussten eine zackige Rede über uns ergehen lassen, an deren Inhalt ich keine Erinnerung habe. Das Schauspiel nahm kein Ende. Zwei Pfarrer – evangelisch und katholisch – gingen an uns vorbei und gaben uns ihren Segen. Ich erinnere mich, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit der Situation anfangen sollte, es war jedoch ein sehr unbehagliches Gefühl. Wahrscheinlich, weil ich damals nicht erwartet hatte, dass einige junge SS-Männer Tränen in den Augen hatten. Der Höhepunkt war dann unsere Nationalhymne. Damals sang man noch die heute verbotene erste Strophe. Die darauf folgenden Tage des „Zusammenbruchs“ waren sehr unschön. Dazu gehörte der offensichtliche Versuch der SS-Leute, unsere Überlebenschancen zu erhöhen, indem sie uns unter anderem bei saukaltem Wetter auf dem steinharten Boden herumrobben ließen. Dabei ließen sie ihre Gewehrkolben auf unsere Helme oder Hintern fallen, wenn wir ihrer Meinung nach nicht flach genug am Boden blieben. Glücklicherweise erschien unser Vater dann doch noch rechtzeitig, um mich aus dem Schlamassel zu erlösen.

Wir machten uns dann auf den Weg nach Berlin. Zu Fuß. Anders kam man nicht mehr weg. Wir hatten einen Leiterwagen, vollgepfropft mit Habseligkeiten – einschließlich einiger Hühner, die uns beim Überleben in Berlin mit Eiern helfen sollten und es auch taten – ich zog, unser Vater schob. Zuvor haben wir wie alle anderen vor der Flucht alles Vieh erschlagen. Die Russen sollten nichts vorfinden. Also habe ich einen ganzen Tag lang Federvieh geköpft, und die flatternden Unterkörper weggeworfen – einige konnten wir jedoch noch vor dem Abmarsch braten. Sie sollten unsere Verpflegung auf dem langen Fußmarsch sein. Es war bitterkalt und es lag reichlich Schnee. Der gefrorene Boden kam uns jedoch entgegen, denn wir vermieden offene Landstraßen, wo es nur ging. Wir suchten Waldwege, da wir nicht wussten, ob uns die Russen schon überholt hatten, auch wollten wir den immer wieder auftauchenden russischen Tieffliegern nicht ausgesetzt sein. Nachts schliefen wir auf dem Erdboden – eine Decke unter dem Körper, eine zum zudecken und beide morgens wie ein Brett gefroren. Wir wollten nur vor den Russen in Berlin ankommen und vermieden es, auf die am Straßenrand liegenden und sitzenden (möglicherweise) erfrorenen Manschen zu achten.

Wir schafften es. Wir erreichten die Autobahn nach Berlin und hatten wieder einmal Glück. Es kam noch ein Militär-LKW. Und der hielt tatsächlich an und nahm uns mit unserer gesamten Habe mit in Richtung Berlin. In Königswusterhausen ließen wir das meiste in der Gepäckaufbewahrung – was auch klappte – und fuhren zur Familie. Mitarbeiter unsres Vaters brachten dann in den darauffolgenden Tagen all unsere Sachen in unsere Wohnung. In unserem Haus hatte unser Vater wohl aufgrund seiner Beziehungen nicht einen Luftschutzkeller bauen lassen, er sorgte auch für verstärkte Wände, feste Türen, besonders abgestützte Decken und einen Sperrbalken für den Hauseingang. Mehr war damals nicht zu machen und wir mussten nun abwarten. Die Familie zog in den Keller, zusammen mit unserer Hauswartin. Die Hühner, die die lange Reise tatsächlich gut überlebt hatten, waren dann der Grundstock für unsere kleine Hühnerfarm in Berlin. Sie lebten mit uns in einem der großen Keller – zum Schutz vor hungernden Nachbarn. Im darauffolgenden Sommer bauten wir ihnen dann jedoch eine „Hühnerleiter“ zum Garten im Hinterhof. So waren sie für andere nicht erreichbar. Trotzdem ließen wir sie nie aus den Augen.

Bevor die Russen Berlin erreichten, vernichteten wir noch das „Waffenlager“ unseres Vaters in der Wohnung. Da war ein russischer Reiterkarabiner, diverse Pistolen and Säbel. Die vorhandene Munition haben wir verballert mit Zielschiessen vom Balkon aus. Dann haben wir das Gewehr und die Pistolen zerschlagen, die – es waren wohl zwei – Säbel zerbrochen und alles in den Schutt der in der Nachbarschaft zerbombten Häuser geworfen, wo sich sie Russen diese als offensichtliche Souvenirs wohl rausgeklaut haben.

Unser Vater musste noch einmal weg zur „Verteidigung“ des Stadt mit der in dieser Situation wohl zweifelhaften Ehre eines „Abschnittskommandanten“ im Westteil von Mariendorf, wo es nichts mehr zu verteidigen und kommandieren gab. Er hat später erzählt, dass er mit nur einer Handvoll Soldaten und Volkssturm-Männern am Teltowkanal gelegen hätte, nachdem alle Brücken bis auf die nahegelegene Eisenbahnbrücke gesprengt worden waren. Diese wollte nicht in die Luft fliegen und prompt sind die Russen hier mit ihren Panzern drübergefahren. Daraufhin hat er seine Leute – nachdem er sich mit den Nachbarabschnitten abgestimmt hatte – nach Hause geschickt. So konnten all diese Familien wenigstens zusammen sein.

Nachdem es dann draußen für länger Zeit ruhig geworden war, wagte Frau Busse einen Blick auf die Straße und kam zurück mit „Die Russen sind wohl noch nicht da, draußen laufen noch Leute von der OT (Organisation TODT – deutsche Bausoldaten) herum.“ Und öffnete die Haustür, bevor sich unser Vater davon selbst überzeugen oder es verhindern konnte. Und dann standen sie da, die Russen! Es war eine Einheit leichter Artillerie mit Pferdegespannen. Die Pferd hatten sie zum Grasen auf den nahen Friedhof gebracht. Die Soldaten standen, saßen und lagen auf ihren Fahrzeugen herum.

Nur einer rannte mit einer Pistole in der Hand herum und schrie jeden sichtbaren Deutschen mit „Uri, Uri, Uri“ an. Wir hatten schon davon gehört, dass die Russen scharf auf Uhren waren und waren daher vorbereitet. Wir hatten alle, auch unsere defekten Uhren schnell zur Hand. Bevor wird das Haus dann wieder dicht machen konnten, kamen 4 Soldaten und wollten in die Wohnung. Absolut korrekt und in gebrochenem deutsch wollten sie nur an einem Tisch sitzen und auf ein – das war ihnen sehr wichtig – auf ein „Wasser-Klosett“. Unserem Vater gegenüber – damals war er 47 Jahre alt – waren sie reserviert. Sie fragten, „Du Soldat?“ und wir machten ihnen klar, dass er dazu zu alt sei. Sie ließen es dabei bewenden. Er musste sich jedoch abseits hinsetzen und gaben ihm eine Pistolentasche mit aufgerissener Naht zum Flicken. Sie ließen ihn jedoch in Frieden. Dann packten sie aus. Frische Milch, Eier, Kuchen, Brot, Butter, Speck – alles zusammengeklaut, denn die Russen waren Selbstversorger. Wir – nur die beiden Frauen und wir Kinder – mussten mitessen. Mein Vater durfte nicht. Einer erzählte stolz, dass er von Stalingrad bis Berlin zu Fuß gelaufen sei. Ich musste ihm die lange Strecke auf der Landkarte zeigen. Es war das einzige Stück, das die Soldaten dann mitnahmen. Immer wieder kam die Frage, „Wo Gitler?“, wir konnten jedoch nur mit den Schultern zucken. Irgendwann war klar, dass sie Hitler meinten und sie das „H“ wohl nicht aussprechen konnten. Nach einiger Zeit war alles zu Ende. In der Tür stand ein Offizier und schrie seine Leute an. Die standen sofort auf und verschwanden. Wir machten daraufhin die Haustür für die Dauer der Besatzung erfolgreich dicht. Einige Male trampelten offensichtlich besoffene Soldaten dagegen, die Tür hielt jedoch dicht.