Mutter

Meine Mutter war die Sekretärin meines Vaters und beide hatten schon einmal zuvor geheiratet, davon wurde aber nie gesprochen. Sie war eine sprichwörtlich gute Mutter. Sie war eben immer für uns da. Immer aufopfernd, gerade in schlechten Zeiten nach dem Krieg, wo alle Vermögenswerte verlorengegangen waren und wir praktisch vor dem finanziellen Nichts standen. Dazu kam die Krankheit meines Vaters kurz nach Kriegsende und seinem für uns viel zu frühen Tod. Der Witwenrentenanspruch war damals für lange Zeit so gering, dass für meine Mutter und uns Kinder zum Leben zu wenig und Sterben zu viel war. Daher scheute Sie sich nicht, jede nur erdenkliche Arbeit anzunehmen und die lausig schweren Zeiten zu überstehen.

Ihre kleinen Marotten

Da war der „Siebenstreben“ – eine Rehpfote mit sieben langen Lederstreifen – vom Opa als gedachte Erziehungshilfe gesponsert. Er hing immer neben der Küchentür, wohl nur als offensichtlich gewollte Drohgebärde, denn es blieb immer bei, „Wenn du nicht…, dann gibt es einen mit dem Siebenstreben!“. Wie auch immer, Wunder geschahen und die Streben wurden in kurzer Zeit immer weniger bis auf einen, der dann traurig hängenblieb. Wie war das möglich? Hatte jemand sie abgeschnitten? Nach zweimaliger Erneuerung durch den Opa und immer wieder eintretenden Strebenverlust hatte er dann ausgedient. Als Alternative gab es auch noch die Drohgebärde mit einem kleinen, aus Weiden geflochtenen Teppichklopfer – ein etwas aus der Mode gekommenem Haushaltsgerät. Der wurde dann mit lautem „Wenn du nicht…“ wild geschwungen – manchmal gefährlich nahe.

Wir hatten jedoch einen großen runden Esstisch, zu gros, um mit dem Klopfer rüberzulangen. Also ging ich der Gefahr aus dem Weg und blieb immer auf der anderen Seite des Tisches, wenn das Spiel wieder begann. Ich vorweg und unsere Mutter hinterher. Meine Flucht, von unserer Mutter verfolgt mit dem Schrei, „Bleib stehen, bleib stehen!“, endete damit, dass unsere dann schon leicht füllige Mutter außer Atem und nach Luft ringend aufgab. Es endete endgültig damit, dass ich eines Tages stehengeblieben bin, ihren Arm mit Klopfer festhielt und – Überraschung, ein erstaunter Blick, jedoch kein Ton – das Spiel für beendet erklärt habe.