Nachkriegszeiten

Nach dem Krieg, als seine Auswüchse und Gräueltaten von allen Seiten immer deutlicher wurden – insbesondere die der deutschen Seite – wollte ich von ihm wissen, wie er das mit uns Deutschen und Deutschland sah. Seiner Meinung nach, hätten nicht alle Menschen – gleich welcher Herkunft – seine Meinung. Auswüchse und Verbrechen zu Kriegszeiten habe es immer und bei jedem Volk gegeben – nicht nur bei den Deutschen. Er hatte sich offensichtlich eingehender damit befasst. Denn er brachte dafür historische Beispiele, die auch jetzt noch zutrafen. Er betonte dabei mehrfach, dass nach seiner Kenntnis – er war bei solchen Aussagen immer sehr zurückhaltend – auch im zweiten Weltkrieg unsere eigenen Soldaten für Verbrechen bestraft wurden. Was damals im deutschen Namen und von Deutschen gleichviel begangen wurde, das sei unverzeihlich und für ihn unbegreiflich. Dennoch sei noch immer nicht jeder Deutsche – auch jeder deutsche Soldat – ein Verbrecher und könne nicht als ein solcher hingestellt werden.

Dabei war die SS zwischen uns ein besonderes Thema. Er behauptete, dass man zwischen Waffen-SS als Elitetruppe und der politischen SS unterscheiden müsste. An sich hielt er richtig verstandenen Militarismus für notwendig – auch nach dem verlorenen Krieg. Nicht nur als Mittel zur Verteidigung, seiner Ansicht nach vor allem zur Erziehung zu Gemeinschaftssinn, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft. Aber alles immer in den Grenzen seiner Notwendigkeit ohne sinnlose Auswüchse. Dazu gehöre eben auch der mehrfach zwischen uns erörterte Gehorsam. Denn keine Armee könne vom einfachen Soldaten bis selbst höheren Offizieren ohne Befehlsgehorsam funktionieren, jedoch müssten Menschlichkeit und Achtung vor dem anderen unabdingbar sein. Wir haben diese Unterhaltungen nicht zu einem Ende bringen können, da er mit nur 53 Jahren für mich und die ganze Familie viel zu früh gestorben ist.

Für uns stellte sich nach Kriegsende die Frage, wovon zu leben und die Zeit des Plünderns – wir nannten es jedoch „organisieren“ – begann. Und es stellte sich schnell heraus, dass man nur zu etwas kam, wenn man rücksichtslos handelte. Nur die Stärksten schafften es. Der Aufgalopp fand beim Lager der Firma Maggie statt. Unvergessen – die Frühlings- und Königinsuppe! Sie halfen uns monatelang beim Überleben. Wir begannen sogar, die Suppen zu verfeinern – wir hatten noch eingemachtes Obst im Keller und dann Frischobst und Gemüse aus dem Garten im Hinterhof. Trotzdem, irgendwann kam sie uns aus den Ohren raus. Ich konnte noch Jahre später kein Maggie riechen.

Dann war das Lager im Hafen Tempelhof dran. In ihm hatten sich unsere Soldaten verschanzt und wurde dort hart gekämpft. In den oberen Geschossen brannte es und vor dem Hafen lag ein totes Pferd auf der Straße. Auf dem Pferd stand eine russische Soldatin und regelte den Verkehr, der aus einigen vorbeizuckelnden Panjewagen bestand. Zu ihren Füßen knieten Deutsche und säbelten Fleischstücke aus dem Kadaver. Auf der Treppe des naheliegenden Kinos lag ein toter Volkssturm-Mann. Die Hände waren erhoben, man erschoss ihn jedoch trotzdem. Daneben – in einem Ladeneingang – hockte ein toter russischer Soldat. Sein Kopf hing auf seiner Brust. Ein Querschläger hatte ihn praktisch abgetrennt und die Russen hielten es nicht für nötig, ihre toten Soldaten aufzusammeln. Wir dagegen holten als erstes immer unsere Toten von der Straße.

Vor dem Lagerhaus war eine große Menschenansammlung. Die Russen hatten die Eingänge besetzt und schossen in die Luft, um die Leute zu vertreiben. Sie wollten selbst an die Vorräte ran. Es blieben nur einige Kellerluken, vor denen sich die Leute prügelten. Einige wenige schafften es, durch die Luken ins Gebäude zu gelangen und reichten dann die organisierten Lebensmittel heraus aus den Luken, worum sich die Draußenstehenden dann wiederum prügelten. Wir waren zu Dritt. Frau Busse – als Kräftigste unsere „Abwehr“ hielt uns den Rücken frei und unsere Mutter nahm die Sachen, die ich ihr durch die Luke reichte, und packte sie auf unser Wägelchen. Und so klappte das recht gut, wenn auch mit einigen Verlusten. Aus den oberen Geschossen kamen mir Leute mit Getreidesäcken entgegen und ich wollt auch so einen haben. Da lagen tatsächlich Unmengen an Getreidesäcken. Wie wir später merkten, war das Getreide durch den Brand schon leicht geröstet, was uns nicht weiter gestört hat.

Das bittere Ende kam jedoch noch. Ich war gerade dabei einen Sack auf die Schulter zu laden, hielt ihn jedoch noch vor meiner Brust. Da stand plötzlich ein russischer Soldat vor mir mit seiner MP in Anschlag. Ob er etwas gesagt hat oder tatsächlich seine Waffe benutzt hätte – ich weiß es nicht. Ohne nachzudenken, wohl mehr als spontane Reaktion, wurf ich ihm ohne weitere Überlegung den Sack entgegen. Es ging alles so schnell! Ob er nun ausweichen wollte oder von der Wucht getroffen wurde – keine Ahnung. Er machte jedoch einen Schritt nach hinten. Weder ich noch er merkten, dass dort eine riesige Öffnung war, über die Lasten hochgezogen wurden. Wir befanden uns ja im dritten Geschoss. Er verschwand ohne einen Ton in der Tiefe und mir war klar, dass es Probleme geben würde, wenn die Russen ihren Mann und mich im Gebäude erwischen würden. Also griff ich so schnell wie möglich noch einen Getreidesack, krabbelte aus dem Kellerloch und machte mich mit unsere Mutter und Frau Busse auf den Heimweg.