Ich habe den Begriff „concilium abeundi – Schulrausschmiss“ damals einige Male gehört.
Das erste Mal passierte es auf der Aska. Wir hatten in unserer Klasse eine Schülerzeitung ins Leben gerufen, die in der Schule vertrieben wurde. Sie hieß „Der Klassenkurier“. Unser Klassenlehrer war noch recht jung und deswegen wohl auch noch etwas überfordert mit einerseits übermäßiger Strenge und hohen Anforderungen und andererseits dem Bemühen kumpelhaft mit uns umzugehen. Man kam mit ihn aus und wir hatten nichts gegen ihn, bis…
Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat – wohl unüberlegter Übermut! Unser Klassenlehrer trug im Unterricht immer einen weißen Kittel mit zwei auffallend großen Knöpfen am Rücken. Das war einfach eine Einladung und ich schnitt von unserer Zeitung den Kopfbalken ab, machte zwei Löcher, zog eine Strippe hindurch und machte Schlaufen an jedem Ende. Unser Lehrer stand wie so oft an der Tafel – tief konzentriert – und mit dem Rücken zur Klasse. Ich brachte es fertig, mich hinter ihm anzuschleichen und das Schild „Klassenkurier“ an seine Knöpfe zu hängen. Ohne es zu merken, rannte er dann den ganzen Vormittag damit in der Schule herum – zum Gaudi der Schüler. Schlimm war auch, dass seine Kollegen lange nicht sagten und ebenfalls mitgegrinst haben. Irgendwann hat er es dann doch gemerkt und rausbekommen, dass ich der Übeltäter gewesen bin. Wer von meinen Klassenkameraden mich verpfiffen hat, das habe ich nie herausbekommen. Unser Lehrer kam mit der „Rache des kleinen Mannes“. Er ließ sich nichts anmerken, nahm mich jedoch ran mit einer gesonderten saftigen Prüfung mit Fragen zu Lehrstoff, den wir noch gar nicht durchgenommen hatten. Dabei ging er jedoch etwas zu weit. Meine Klassenkameraden haben dabei auch mitbekommen, dass er mich gezielt abschießen wollte. Und dann war sie doch da, die Klassenkameradschaft. Alle marschierten geschlossen zum Schulleiter und erzählten ihm, was vorgefallen war. Der war ein korrekter und vernünftiger Mann und rief mich zu einem Gespräch unter vier Augen. Dabei machte er mir klar, dass ich an der menschlichen Unzulänglichkeit des Klassenlehrers bis zum Abitur leiden könnte und dieser mir so durchaus das Abitur vermasseln könnte. Sein Vorschlag war, dem aus dem Weg zu gehen und mit Hilfe seiner Vermittlung an ein anderes Gymnasium weggelobt zu werden. So kam es dann auch.
Ich hatte nichts dagegen, das Abitur woanders zu machen.
An der neuen Schule gab es einen Studienrat, der ein guter, jedoch etwas versponnener Pädagoge war. Er hielt sich am liebsten inmitten seiner geliebten Erdkundesammlung auf und vergaß darüber oft den Unterrichtsbeginn. Und da hate ich auch schon gleich meine nächste Schnapsidee, eine Freistunde zu arrangieren. In der Schule wurden noch immer Kriegsschäden beseitigt und dazu waren die großen Flügeltüren der Aula ausgehängt worden. Die standen an der Wand neben der Tür zur Erdkundesammlung. Also nahm ich mir einen Klassenkameraden, – dummerweise den größten Schwächling – um eine der ausgehängten Flügeltüren vor die Tür der Erdkundesammlung zu stellen, sodass der Lehrer nicht rauskonnte. Dieser Schwächling konnte die Seite der Tür nicht halten, die dann auf den Boden knallte. Mein Klassenkamerad rannte einfach weg, ich wollte jedoch die Tür nicht ganz fallen lassen, stand nun hinter der Tür und versuchte, beide Seiten zu halten. Ging nicht, weil das Ding mit seiner Höhe ein zu großes Übergewicht bekam und langsam in Richtung der Sammlung kippte, die der Studienrat gerade aufgrund des Lärmes aufgemacht hatte. Glücklicherweise fiel der Türflügel durch seine Größe gegen die Wand über der Sammlung. Unser Studienrat hat mich auch nicht erkannt, den wegrennenden Feigling jedoch erkannte er. Der hat dann versucht, seine Haut zu retten und mich prompt verpfiffen. Es kam also zum „concilium abeunde“. Sie wollten mich – gerade erst angekommen – gleich wieder von der Schule werfen. Ich hatte jedoch Glück. Mein Vater schaltete sich ein. Vermutlich nach einem telefonischen Vorgespräch wurde er dann vom Schulleiter schon vor der Schule empfangen, als er aus dem Auto ausstieg. Späteren Gerüchten zufolge soll die Schule plötzlich benötigte Geräte fuer ihre Physiksammlung erhalten haben. Von da an habe ich mir verkniffen, noch einmal zu unlieb aufzufallen. So war dann – wohl auch aufgrund meine Leistungen – das Abitur gesichert.
Viele Jahre später habe ich dann erfahren, dass die Firma Permutit gerade zu dieser Zeit eine Reihe an nicht mehr benötigten Laborgeräten ausgesondert hatte.
