
Als die Ostfront unverkennbar immer näher kam wurden offensichtlich Kriegsgefangenenlager im Osten aufgelöst und in Richtung Westen verlegt. 1944 lebten wir vorübergehend auf einem riesigen Privatgrundstück von Geschäftsfreunden unsres Vaters. Das Grundstück mit unserem Wohnhaus lag neben einem Fabrikgelände mit eigenem Gleisanschluss. Eines Tages wurde ein aus Güterwagen bestehender Zug auf das Gleis geschoben – mit britischen Gefangenen. Die Wagen wurden dort einfach abgestellt und warteten ohne Lok auf Weitertransport. Es war schon kalt und das Wetter so richtig ungemütlich. Die Gefangenen trugen trotz allem pikfeine, mit Falte gebügelte Uniformhosen und -jacken. Sie froren erbärmlich und durften sich daher neben dem Zug bewegen, um sich warm zu machen – bewacht von unserem „Landsturm“, die ebenfalls frierend umherliefen. Das waren alte, nicht mehr fronttaugliche Maenner, die im Gegensatz zu den Briten schäbige, aber wenigstens warme Militärmäntel trugen. Unsere Mutter sah sich das an und unterhielt sich dann mit dem wachhabenden Offizier. Und dann ging es los – sie und unsere damalige Haushaltshilfe machten in allen greifbaren Behältern heiße Brühe. Meine Schwester und ich schleppten laufend die vollen Behälter vom Haus zum Bahndamm. Es gab keinen Unterschied, es gab Brühe gleichermaßen für alle, die deutschen und britischen Soldaten. Das Danke kam nicht allein mit Worten. Die Briten zeigten ihren Dank, indem sie untereinander all ihre Schokolade sammelten und uns Kindern schenkten. Das war etwas, das es zu dieser Zeit in Deutschland für uns Zivilisten bereits nicht mehr gab.
