Vater

Vater war ein ruhiger, besonnener Typ und hat wenig gesprochen. Wenn doch, dann aber bestimmt, jedoch immer spürbar herzlich und um uns besorgt. Ich habe ihn immer bewundert und sowohl sein Fachwissen als auch Allgemeinwissen geschätzt, das auch von Dritten zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode immer wieder erwähnt wurde. Er konnte zuhören und erklären und hat mir in seiner Ruhe und Besonnenheit auch immer wieder ungefragte Dinge erklärt, von denen er glaubte, sie wären von Bedeutung für mich.

Er war ein „Arbeitstier“. Ich kann mich nicht anders daran erinnern, als dass er zu Lebzeiten bei der Firma Permutit in seinem Beruf für Wasseraufbereitung – er soll damals der Erste gewesen sein, der es schaffte, einigermaßen wirtschaftlich aus Salzwasser Trinkwasser aufzubereiten, so unter anderem auch für die Insel Helgoland. Früh morgens von zuhause weg, abends oft sehr spät nach Hause, regelmäßig noch Arbeit in der Nacht, häufige Zeiten kürzerer und längerer beruflicher Abwesenheit. Die Sonntage waren da oft keine Ausnahme. Trotzdem nahm er sich immer Zeit für uns, bis wir ins Bett mussten. Selbst unsere Urlaube nutzte er dazu, irgendetwas Geschäftliches damit zu verknüpfen.

Als es ihm dann wegen seiner Krankheit schon dreckig ging, hat er mir einmal beiläufig gesagt, dass es bedaure, sich bei allen gemeinsamen Familienreisen und im alltäglichen Familienleben nicht mehr Zeit für unsere Mutter und uns Kinder genommen zu haben – eine Erkenntnis, die auch ich erst spät hatte, nachdem ich die gleichen Fehler gemacht habe.

Ruhe behalten

Er war mir trotzdem ein Vorbild und mir fällt ein Vorfall ein, bei dem er Ruhe und Besonnenheit behalten und es verstanden hat, diese auf mich zu übertragen: es waren die letzten Kriegstage vor der Besetzung durch die Russen. Die standen kurz vor Berlin. Das Geschützfeuer war unüberhörbar und die Stadt wurde Tag und Nacht bombardiert. Nachts kamen die Engländer, tagsüber die Amerikaner. Wir hatten nichts mehr entgegenzusetzen, keine Flak (Flugabwehrkanonen), keine Abfangjagdflieger. Wir konnten zusehen, wie die Amerikaner in riesigen Formationen ungeniert über uns flogen und dann mit ihren abgeworfenen Lametta-Streifen ihre Ziele über der Stadt absteckten, in denen sie dann Ihre Bomben abwurfen.

Die Familie befand sich auf dem S-Bahnhof mit Gepäck und auf dem Weg nach Hause, als die Sirenen Alarm heulten. Meine Schwester und Mutter rannten zum nächsten Luftschutzbunker. Gegenüber vom Bahnhof befand sich damals noch ein Freigelände bis zum naheliegenden Industriegebiet. Unser Vater wollte unser Gepäck mit den wenigen geretteten Habseligkeiten nicht einfach stehenlassen – geklaut wurde auch schon zu dieser Zeit. Also entschied unser Vater, das Gepäck so weit wie möglich weg vom Bahnhof und das Freigelände zu schleppen und dort den Luftangriff abzuwarten. Wohl in der Hoffnung, dass nicht gerade dieses Gebiet dran war. Es kam aber anders…

Vater suchte eine Kuhle und wir harrten der Dinge. Die dann als Lametta-Regen über dem Industriegeiet seinen Lauf nahmen. Weg konnten wir nicht mehr. In aller Ruhe zündete er sich eine Zigarette an und befahl mir, mich auf den Bauch, Kopf zwischen den Armen, zu legen. Auch sollte ich mich nicht rühren, was auch immer passieren sollte. Da war dann auch schon das Pfeifen der fallenden Bomben und das infernalische Krachen beim Einschlag. Noch einigermaßen weit entfernt. Ich schielte zu meinem Vater, der da seelenruhig saß und sich das Spektakel ansah. Plötzlich lag er dann jedoch neben mir und hielt mit fest im Arm. Zwei Bomben krachten in das Gaswerk und der Explosionsdreck rieselte auf uns herunter. Ich erinnere mich noch gut an das darauffolgende – „Es ist vorbei!“ – und das Anstecken einer neuen Zigarette, während er sich und mir den Dreck abklopfte.

Aus seiner Ruhe habe ich unseren Vater nur zweimal bringen können.

Angeblich musikalisch, sollte ich als Kind aus „gutem Hause“ auch ein Instrument erlernen. Es wurde das Klavierspielen für mich auserkoren. Es wurde daraus keine Meisterschaft, reichte jedoch – unter Zwang – zum öffentlichen Vorspiel. Aber weit mehr habe ich wohl meinen Klavierlehrer zur Verzweiflung gebracht. Es war die Zeit, in der ich alles andere im Kopf hatte als zu üben. Draußen mit Freunden herumtreiben und Sport waren mir wichtiger. Eines Tages war es dann so weit. Ich klimperte und hämmerte lustlos, wohl auch gezielt provozierend auf dem Klavier herum. Unser Vater hörte sich das eine Weile an. In seiner ruhigen Art folgten dann die fälligen Ermahnungen, die nicht fruchteten, ganz im Gegenteil. Und dann stand er au einmal vor mir und langte mir ganz fürchterlich eine runter.

Die zweite Ohrfeige war fällig für meine Schwester mit den Worten, „Du bist der Ältere. Du hast auf deine Schwester achtzugeben!“.

Normalerweise klappte das auch immer – nur einmal dann nicht. Es ging um Lebensmittelkarten im Krieg, über die man mit gesonderten Abschnitten besonders knappe Lebensmittel holen konnte. An dem Tag waren eingelegte Heringe angesagt. Mir wurden eine Schüssel und die Lebensmittelkarten in die Hand gedrückt und ich wurde mit meiner Schwester zum Abholen geschickt. Meine kleine Schwester nur als Begleitung. Das Abholen der Heringe hat dann noch geklappt. Auf dem Rückweg wollte sie dann unbedingt die Heringe und Lebensmittelkarten tragen. Ich weiß nicht, wie sie es fertig gebracht hat, jedenfalls waren zu Hause dann die Lebensmittelkarten weg und ich hatte meine Ohrfeige.

Andere Erziehungsmethoden

Unser Vater hatte aber auch sein anderen drastischen, jedoch wirksamen Erziehungsmethoden. Selbst Kettenraucher, warnte er eindringlich vor dem Rauchen. Und Alkohol war für uns Kinder tabu, trotz der häufigen, feucht-fröhlichen Geselligkeiten – was uns Kinder nicht daran gehindert hat, heimlich die Likörgläser auszulecken.

Es muss in den ersten Kriegsjahren gewesen sein, Spielkameraden von mir hatten zu Hause Zigaretten gemopst. Wir hatten uns damit in eine stille Ecke zurückgezogen und gepafft – glaubten uns unbeobachtet. Ich kam dann nach Hause und nach dem Abendessen nahm mich mein Vater beiseite. „Ich sehe, du wirst erwachsen, warum also heimlich rauchen. Lass uns wie Maenner richtig rauchen.“ Er kam mit einer dicken Zigarre und wir rauchten. Er zeigte mir, wie das richtig ging mit dem tiefen Inhalieren. Nicht lange und ich fand mich für lang Zeit über den Rand der Badewanne hängend wieder. Rauchen? Nie wieder, oder fast nie wieder!

Ich war ein guter Schwimmer und gewann überraschend einen Wettkampf im 100m Freistil. Wie auch immer, es war bekannt, dass ich nicht raucht und keinen Alkohol trank. Keine Ahnung, ob unser Vater etwas geahnt hat oder etwas gesteckt bekommen hat. Er war jedenfalls auch bei der anschließenden Vereinsfete dabei. Er warnte mich schon vorher, dass alle versuchen würden, mit mir auf den Erfolg mit Alkohol anzustoßen. Ich sollte versuchen, abzulehnen, nur am Glas zu nippen oder aber den Alkohol heimlich wegzukippen. Es kam wie befürchtet und offensichtlich ist es mir nicht gelungen, den Rat meines Vaters zu befolgen. Zwischendurch nahm er mich nochmals beiseite, um mich zu warnen. Ich war mir jedoch sicher, es abschätzen zu können und er ließ mich dann machen. Irgendwann stand er wortlos neben mir und zog mich raus. Ich opferte meinen Mageninhalt und starb bis zum nächsten Tag in Schönheit und musste das Schmunzeln und die sarkastischen Bemerkungen unseres Vaters ertragen.