Mein Klassenkamerad Wasel war immer für alles zu haben, wenn er damit auffallen konnte. Er kam als Vertriebener aus dem Baltikum und blieb leider nur kurze Zeit am Askanischen Gymnasium, die wir einfach immer nur Aska nannten. Maikäferzeit – damals gab es diese Tierchen noch in großen Mengen. Eines hatte sich in unser Klassenzimmer verirrt und Wasel meinte, sie wären essbar. Obwohl knapp bei Kasse, wettete ich sofort eine Reichsmark – viel Geld damals, das für zweimal Kino gereicht hätte. Er sollte den Käfer nur in den Mund nehmen, was er natürlich sofort machte. Keiner der interessierten Beobachte hätte damit gerechnet – er wohl am wenigsten – dass das Tierchen anfing, im Mund zu strampeln. Er bekam es nicht mehr heraus. Wildes Gejohle, sein verzweifeltes Gesicht, Herumgehopse und Würgegeräusche – er hatte den Käfer geschluckt und ich war meine Mark los.
Bei einigen unserer Lehrer hatten wir so unsere Zweifel an ihrer Lehrfähigkeit. So hatten wir zeitweilig einen neuen Mathelehrer, der gesundheitlich ein echtes Wrack war und was von uns Schülern rücksichtslos und schamlos ausgenutzt wurde. Erst nach seinem Weggang wurde uns erzählt, dass er wohl im Krieg verschüttet gewesen sein soll und dadurch einen Nervenschaden erlitten hatte. Seine Unterrichtsstunden waren jedenfalls in der Regel chaotisch. Seine Bewegungen waren fahrig mit ständigen Zuckungen, beim Sprechen überschlug sich manchmal seine Sprache, von Zeit zu Zeit trat er geistig förmlich weg und reagierte hektisch und überlaut auf Kleinigkeiten, insbesondere auf Geräusche.
Und was macht Wasel? Eines Tages brachte er einen Wagen von einer Modelleisenbahn mit zur Schule, den er dann in dessen Unterrichtsstunde auf dem Boden zwischen den Bänken umherschob. Er schob ihn zu uns und wir schoben ihn zurück. Mit dem scheppernden Geräusch brauchten wir nicht lange auf die Reaktion des Lehrers zu warten. Er rastete vollkommen aus. Als er dann das Fahrzeug endlich erwischte, trampelte er wild schreiend darauf herum. Es herrschte peinliches Schweigen, sollte jedoch noch schlimmer kommen. Wasel stürzte sich vor den trampelnden Lehrer auf den Boden, umklammerte dessen Beine und jammerte um seinen zerstörten Wagen. Langsam dämmerte uns, was wir da angerichtet hatten, und wir wählten einige Klassenvertreter, die zum Schulleiter gingen, dort alles berichteten und Entschuldigung baten. Der Schaden war jedoch nicht mehr zu reparieren und der Lehrer unterrichtete nicht mehr weiter and unserer Schule.
