Wehrausbildung

Die ja so gesehen doch noch harmlosen Formen der – für uns nicht erkennbaren – versuchten Wehrausbildung an uns Kindern fand ich dann als groteske Variante an Soldaten im Kleinen Walsertal. Wir Kinder und unsere Mutter lebten dort und ich ging in Oberstdorf zur Schule. In der ganzen Gegend wurden Soldaten zur Winterausbildung für den Krieg in Russland zusammengezogen. Keine Gebirgsjäger. Flachländer, die nie zuvor Ski gesehen und auf ihnen gestanden hatten. Und wie hat man es ihnen beigebracht? Sie rückten an, bekamen Ski verpasst, mussten den Hügel hinaufmarschieren und wurden oben mit Hilfe der Ausbilder auf die Ski gestellt. Dann wurden sie in Abfahrtshaltung aufgestellt und wer nicht losfuhr, der bekam einen Stoß. Wer es schaffte, unten heil anzukommen, der galt als ausgebildet. Wer stürzte und sich dabei verletzte, war wenigstens vom nahen Feindeinsatz durch einen Lazarettaufenthalt befreit. Wir Jungs mit Skilaufen als Pflichtfach und die Einheimischen hatten jedenfalls unser Gaudi.

Ein bisschen ernster wurde es dann doch noch zum Ende des Krieges, da in den letzten Tagen jedes männliche Wesen, – ob jung oder alt – dass ein Gewehr halten konnte, wurde zum „Endkampf“ gemustert. Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Ich hatte noch die schwarze Winteruniform des „Jungvolks“, in der ich mich noch kurz zuvor mit einer Jugendfreundin getroffen hatte, die übrigens auch stolz ihre BDM-Uniform trug. Ich war jedoch noch keine 13 Jahre alt – und üblich war es, erst 16-jaehrige heranzuziehen. Trotzdem sah ich mich in diesem Haufen älterer Jungs, alten Männern und aufgelesenen Soldaten. Und dann kam da auf einmal ein Lastwagen mit einigen wenigen Kampfanzügen und festen Schuhen – für mich fielen ein paar passende Fallschirmjäger-Schuhe, ein Fallschirmjäger-Helm und warme Oberbekleidung ab. Dann gab an uns allerhand Waffen und Munition und vor allem reichlich Verpflegung in Form von Brot, Büchsen und Schnaps.

Das Spektakel endete gegen Abend recht makaber. Alle mussten antreten. Irgendwie hatte man eine aus nur wenigen Musikern bestehende Kapelle aufgetrieben. Wir mussten eine zackige Rede über uns ergehen lassen, an deren Inhalt ich keine Erinnerung habe. Das Schauspiel nahm kein Ende. Zwei Pfarrer – evangelisch und katholisch – gingen an uns vorbei und gaben uns ihren Segen. Ich erinnere mich, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit der Situation anfangen sollte, es war jedoch ein sehr unbehagliches Gefühl. Wahrscheinlich, weil ich damals nicht erwartet hatte, dass einige junge SS-Männer Tränen in den Augen hatten. Der Höhepunkt war dann unsere Nationalhymne. Damals sang man noch die heute verbotene erste Strophe. Die darauf folgenden Tage des „Zusammenbruchs“ waren sehr unschön. Dazu gehörte der offensichtliche Versuch der SS-Leute, unsere Überlebenschancen zu erhöhen, indem sie uns unter anderem bei saukaltem Wetter auf dem steinharten Boden herumrobben ließen. Dabei ließen sie ihre Gewehrkolben auf unsere Helme oder Hintern fallen, wenn wir ihrer Meinung nach nicht flach genug am Boden blieben. Glücklicherweise erschien unser Vater dann doch noch rechtzeitig, um mich aus dem Schlamassel zu erlösen.